Zeitreise im „Schwarzenberg“


Ich bin altmodisch. In jeder Hinsicht. Aufgrund meines Alters darf ich dafür bereits mit einem gewissen Verständnis meines Umfeldes rechnen. Früher durfte ich das eher nicht. Aber ich war eigentlich immer schon altmodisch. Schon als Halbwüchsiger, wenngleich ich das damals vor meinem Umfeld und vor mir selbst zu kaschieren versuchte. Ich trug zeitgemäße lange Haartracht, bunte Hemden mit riesigem Kragen und Jeans, deren „ausgestelltes Bein“ nach unten hin so breit wurde, dass der ganze Schuh darunter verschwand. Trotzdem habe ich meine Schuhe immer geputzt.

Wenn ich etwas wollte, sagte ich „bitte“, und ich sagte „danke“, wenn ich es bekam. Nachbarn, denen ich begegnete, pflegte ich zu grüßen, und Damen hielt ich beim Betreten eines Lokals die Türe auf und half Ihnen aus dem Mantel. Lieber wäre ich anders gewesen. Eher lässig. Eher so wie jene zum Platzen virilen Exemplare meiner Altersklasse, die sich um solche verzopften Rituale nicht scherten, die sich um nichts bemühten und alles bekamen. Gerne hätte ich auch ein Lokal in Begleitung einer jungen weiblichen Schönheit betreten, ohne von ihr überhaupt erkennbar Notiz zu nehmen. Ebenso gerne hätte ich den schmachtenden Gruß anderer ebenso schöner Mädchen lässig erwidert und dabei die Zigarette im Mundwinkel gelassen.

Aber all das konnte ich nicht. Nicht nur, weil ich nicht rauchte. Ich konnte es nicht, weil ich eben altmodisch war – und offenbar genetisch so angelegt. Man sah es mir an. Selbst wenn ich gelegentlich Lokale besuchte, in denen alles geraucht wurde außer Zigaretten, hat man mir nie, nicht ein einziges Mal, ein solches Kraut angeboten. Nicht für Geld und schon gar nicht umsonst.

Ich habe bald kapituliert. Die Jeans mit ausgestelltem Bein und die bunten Hemden tauschte ich gegen nach damaligen Begriffen „sportlich-elegante“ Kleidung, trug meine Haare wieder kürzer. Auch mein Frauenbild war immer schon altmodisch gewesen und ich bekannte mich nun dazu. Bluse, Rock und Nylons gefielen mir schon damals an Frauen um Lichtjahre besser als Baumwollleibchen und Jeans – egal ob eng oder im Schlabberlook – und daran hat sich bis heute nichts geändert.

Ich mied nun Lokale, die nicht für mich gedacht waren. Lieber besuchte ich solche, in denen Publikum und Betreiber noch Wert auf eine gepflegte äußere Erscheinung legten. Dort fühlte ich mich wohler, heimischer. Und die Wahrscheinlichkeit, auf junge Damen mit dem von mir bevorzugten Stil zu treffen, war deutlich höher. Seit dieser Zeit besuche ich das Wiener Kaffeehaus „Schwarzenberg“ regelmäßig.

Dem „Schwarzenberg“ bin ich treu geblieben, auch als sich dort das Erscheinungsbild der Gäste schön langsam dem Zeitgeist angepasst hatte und auch dort weibliche Eleganz unter den Gästen zu den eher seltenen Phänomenen zählte. Heute halte ich es mit meiner Liebe zum Wiener Kaffeehaus wie Peter Altenberg. „Das Kaffeehaus ist ein Ort für Menschen, die gerne alleine sind und dazu Gesellschaft brauchen“ war einer seiner schönen Aphorismen, und das sehe ich auch so.

Eines Tages – es ist nicht allzu lange her – wollte ich wieder einmal in Gesellschaft alleine sein. An diesem spätherbstlichen Nachmittag betrat ich also das sehr gut besuchte „Schwarzenberg“ und konnte an einem der Tische in der Mitte des vorderen Saales einen Platz ergattern. Der Kellner Andreas – er bedient mich in diesem Lokal seit knapp vierzig Jahren und an dieser Stelle danke ich ihm dafür herzlich – begrüßte mich mit Handschlag, nahm meine Bestellung entgegen und ließ mich mit meiner mitgebrachten Lektüre alleine. Bald war ich in meinem Buch versunken und das umgebende Geräusch von Stimmen, Schritten und leisem Klirren von Gedecken war mir wie angenehme Hintergrundmusik.

Plötzlich nahm ich das Stakkato sich nähernder Schritte wahr, und als ich aufblickte, konnte ich kurz in die Augen einer wunderschönen Frau sehen, bevor sie ihren Blick von mir nahm und an meinem Tisch vorüber ging. Mein Gott, dachte ich, mein Gott – was für eine Erscheinung wie aus einer vergangenen Zeit! Ein von kleinen Stirnlöckchen umrahmtes, ebenmäßiges Gesicht, leicht schräg geschnittene, dunkle, blitzende Augen mit einem leicht spöttischen Blick und eine im ganzen sehr elegante, weibliche Erscheinung war alles, was ich in diesem kurzen Augenblick wahrnehmen hatte können. Einen kurzen Gedanken noch verschwendete ich an die Frage, ob diese Schönheit wohl in männlicher Begleitung sei und versuchte dann, mich wieder in mein Buch zu vertiefen.

Eine oder zwei Seiten hatte ich – nicht sehr konzentriert – gelesen, als ich es wieder hörte: Das Stakkato ihrer Schritte, diesmal von hinten kommend. Offensichtlich hatte sie ihre Toilette erledigt und war auf dem Weg zurück zu ihrem Platz. Auf ihrem Weg zum anderen Saal des „Schwarzenberg“ konnte ich ihr lange nachsehen, und was ich sah, gefiel mir sehr. Was für ein leichter, geradezu schwebender Gang, den sie da in ihren hohen Schuhen zeigte. Das leichte, dezente Wiegen ihrer Hüften harmonierte perfekt mit ihrer geraden Haltung, und ihr knapp knielanger Rock, die Seidenbluse mit besticktem Kragen und der taillierte Blazer vollendeten das Bild ihres eleganten Auftritts.

Ich klappte meinen Mund zu und das Buch wieder auf und versuchte, den Faden seiner Handlung wieder aufzunehmen. Das gelang mir nicht wirklich. Nachdem ich die nächste Seite zweimal gelesen und ihren Inhalt noch immer nicht erfasst hatte, beschloss ich, mich durch Lektüre einer Tageszeitung auf andere Gedanken zu bringen. Ich stand auf, begab mich zum Zeitungsständer neben dem Eingang und vertiefte mich in die Auswahl, als ich ihre Schritte wieder hörte. Sie kam – alleine – aus dem anderen Saal und ging direkt auf mich zu.

Sehr knapp ging sie an mir vorbei, wieder streifte mich ihr Blick, und ich roch die zarte Frische ihres Parfums. Sie ging zum Garderobenständer neben dem Eingang, griff nach kurzer Suche nach ihrem Mantel und wollte ihn anziehen. Ihre Handtasche hatte sie abgelegt, aber der Mantel schien nicht so zu wollen wie sie. Ein Ärmel war scheinbar umgestülpt, und bei ihrem zweiten Versuch, ihren Arm in diesen zu schieben, sah ich meine Chance gekommen. Ein kleines Zeitfenster hatte sich aufgetan, ich wollte es nützen für eine schicksalhafte Begegnung mit dieser Schönheit.

Ich legte die Zeitung beiseite, ignorierte meinen Herzschlag, der sich im Hals bemerkbar machte und trat auf sie zu. „Darf ich Ihnen behilflich sein?“ fragte ich und nahm ihr den Mantel aus der Hand. Sie trat einen halben Schritt zurück und schenkte mir wieder einen Blick aus ihren dunklen, leicht schräg geschnittenen, blitzenden Augen. Sie taxierte mich unverhohlen und es schien, als nähme sie mich jetzt erst überhaupt wahr. Ein leises Zucken erschien um ihre Mundwinkel, ihr Körper straffte sich ein wenig, sie öffnete ihre schönen, blassrot geschminkten Lippen und sagte in breitem wienerischen Dialekt: „Ihr alten Scheißer glaubts wohl, ohne Euch geht gar nix!“

Ich gab ihr ihren Mantel wieder und war zurück auf der Erde. Meine Zeitreise war beendet.

Herbert


Mein zehnter Blog ist ein willkommener Anlass, zur Abwechslung eine Geschichte zu erzählen, die ohne tierischen Ernst auskommt und in ihrer Art ein leiser Abgesang auf einen Teil der Wiener Kultur ist, den es vielleicht bald gar nicht mehr geben wird.

Dieser Abgesang gilt einer besonderen Art von Wiener Kaffeehaus, in der das Kaffeetrinken geschätzte Nebensache ist. Hier trifft man einander, um Zeitung zu lesen, zu politisieren und um zu spielen. Schach und Bridge waren über Jahrhunderte wichtige Bestandteile zivilisierter, intellektueller europäischer Kaffeehauskultur, und zahlreiche Meister dieser anspruchsvollen Künste haben ihre ersten Sporen im Kaffeehaus verdient.

Heute werden Schach und Bridge zunehmend im Internet gespielt. Man kann sein Gegenüber weder mit Handschlag begrüßen noch sehen und weiß eigentlich nie, ob man eine Schachpartie gegen einen Menschen oder gegen einen Computer, den das unsichtbare Gegenüber zu Hilfe genommen hat, spielt. Jene wenigen nicht computeraffinen Zeitgenossen, die es vorziehen, echte Schachfiguren und echte Karten in der Hand zu halten und den Spielpartner als lebendiges Gegenüber erleben zu können, werden vielleicht bald ausgestorben sein.

Aber noch gibt es ein paar dieser Überlebenden einer versinkenden Epoche und noch treffen diese einander in den wenigen verbliebenen Wiener Kaffeehäusern alten Stils, deren schäbige Eleganz in einem perfekten Kontrast zum oft skurrilen Erscheinungsbild ihrer Besitzer steht.

Kennen Sie ein Wiener Kaffeehaus, in dem der Chef den Betrieb von einem Liegestuhl aus, den er im Gastraum aufgestellt hat, überwacht? Ein solches Kaffeehaus, das alte „Old Vienna“, gab es in Wien und es war bis vor wenigen Jahren im Besitz von Herbert, seinem „Chef“ und Inhaber dieses Liegestuhls. Nicht immer hatte Herbert sein Kaffeehaus vom Liegestuhl aus dirigiert. In der Blütezeit des „Old Vienna“ hatte es gegolten, Köchinnen und Servierpersonal umsichtig zu kommandieren, und Herbert hatte das stets aufrecht und mit strenger Hand getan, auch wenn gerade eine seiner ansehnlichen Töchter hinter dem Tresen gestanden war. In den Liegestuhl ist er erst übersiedelt, als er der Meinung war, es wäre Zeit, sich „zur Ruhe zu setzen“. Sein Kaffeehaus war dann sein Wohnzimmer, und er war von da an Chef und Gast in einer Person.

Herbert besaß in der Blüte seiner Jahre als „Cafetier“ drei Wiener Kaffeehäuser, aber keines liebte er wie sein „Old Vienna“ und keines war so liebevoll eingerichtet wie dieses Kaffeehaus, das zu Recht den Anspruch erhob, ein führender Repräsentant monarchischer Kaffeehauskultur zu sein, auch wenn es außerhalb des Wiener Gürtels lag. Dort wurde auf Wiener Art gegessen, genascht, Kaffee getrunken und vor allem gespielt: Schach, Bridge, Tarock und als Tribut an die Neuzeit leider auch am „Einarmigen Banditen“.

Der überwiegende Teil der Gäste waren Stammgäste, die das „Old Vienna“ zu einem unvergleichlichen Wiener Biotop formten. Das Stammpublikum setzte sich aus einem repräsentativen Querschnitt der Wiener Bevölkerung samt Gästen mit „Migrationshintergrund“ zusammen und an den Schachtischen waren von Spielern und Kiebitzen Kommentare in allen Sprachen der alten Kronländer zu hören.

Natürlich gab es auch ein soziales Gefälle unter den Stammgästen des „Old Vienna“, aber dieses orientierte sich an völlig anderen Kriterien als in der Welt „ draußen“. Hier genoss Ansehen, wer am Schachbrett oder Bridgetisch zu brillieren wusste, und es bedeutete wenig, „draußen“ ein erfolgreicher Primararzt zu sein, wenn man hier im Kaffeehaus nur zu den mittelmäßigen Schachspielern zählte. So hingen die Augen der draußen Wohlsituierten und Erfolgreichen oft andächtig an den Lippen des einen oder anderen Langzeitarbeitslosen, wenn dieser gerade die brillante Lösung eines kniffligen Schachproblems präsentierte. Für den Mittelmäßigen war es dann eine besondere, ihm huldvoll gewährte Ehre, diesem Meister den Kaffee und die Zigaretten bezahlen zu dürfen.

Sein Kaffeehaus bot Herbert immer ein reiches Betätigungsfeld. Er spielte Schach und Tarock mit den Gästen, schnauzte sein Personal an und kochte auch – nicht besonders gut, aber mit Leidenschaft und Würze. Er selbst war der wohl größte Genießer seiner eigenen Küche, und es kam schon vor, dass die Kellnerin einem Gast, der das auf der schwarzen Tafel vor dem Lokal angepriesene Reisfleisch bestellen wollte, kurz, bündig und mit slowakischem Akzent beschied: „Nix mehr da, Chef hat selber gegessen.“

Nie saß Herbert selbst am „Einarmigen Banditen“, aber als Aufsteller stand ihm ein Teil des Erlöses zu. Diesen Erlös – und nicht nur diesen – verspielte er „in seiner Freizeit“ konsequent im Casino. Dieses Laster hat letztlich den langsamen, aber kontinuierlichen Niedergang von Herberts kleinem Imperium und des alten „Old Vienna“ zumindest beschleunigt.

Zu seinen Gästen hielt Herbert vertrauliche Distanz. Von ihm geduzt zu werden war die unterste, eigentlich noch bedeutungslose Stufe auf der langen Leiter zu seinem Herzen. Von dieser Stufe konnten sich nur jene höher arbeiten, die über viele Jahre sein „Old Vienna“ regelmäßig, am besten täglich besuchten, mit ihm ausdauernd Tarock und Schach spielten und seine Küche lobten.

Die persönliche Note seiner Küche lag Herbert auch dann noch sehr am Herzen, wenn ihn Tarock und Schach daran hinderten, selbst lange in der Küche zu stehen. Daher ließ er es sich nicht nehmen, auch an Speisen, die eine  Köchin zubereitet hatte, letzte Hand zu legen. Das Ergebnis einer solchen „Intervention meisterlicher Hand“ war ein anekdotisches Ereignis, das in seiner Kürze Herberts Kochkünste und deren Würdigung durch seine Gäste mehr als treffend beschreibt.

Dieses Ereignis hat sich zu einer Zeit zugetragen, als Herbert schon in den Liegestuhl übersiedelt war, aus welchem er sich beim nachmittäglichen Eintreffen seiner Tarockpartner unter freudigen Schmähungen seiner Gäste ächzend erhob. Durch seinen kundigen Eingriff hatte die kleine Auswahl vorrätiger Speisen bereits ihren letzten, überaus würzigen Schliff erhalten und wartete auf ihre wertschätzenden Genießer.

Die Tarockrunde hatte Platz genommen, die ersten beiden Runden waren gespielt und die ersten Gläser bereits geleert, als Franz, einer von Herberts Tarockpartnern, Hunger verspürte. Bei der herbeigerufenen Kellnerin orderte Franz in urwienerischem Dialekt ein „Gulasch“, und eine neue Kartenrunde begann.

Dann wurde das „Gulasch“ serviert, und Franz begann mit den ersten Bissen, ohne die Karten abzulegen. Franz hatte als Kettenraucher eine heisere, aber tragende Stimme, und so war sein hüstelnd vorgebrachter Kommentar zum „Gulasch“ im ganzen Lokal zu vernehmen. „Hearst“ sagte er zu Herbert, „Dein Gulasch is ja net zum fressn, so scharf is des!“

Mit seiner fürsorglichen Replik zeigte Herbert durchaus Verständnis für die etwas empfindliche Konstitution seines Gastes: „Hearst Depperter“, sagte er liebevoll, „waunst nix Scharfes vertragst, muaßt Dir a Grießkoch bestelln.“

Nach einer kurzen Pause war Franz zu hören: „ Des is bei Dir aber aa scharf.“

Womit dem alten “Old Vienna”, Herbert und seiner Kochkunst ein würdiges Denkmal gesetzt ist.