Haralds Prophezeiung


In stetig kürzer werdenden Abständen erreichen uns neue Hiobsbotschaften vom Arbeitsmarkt. Die Zahl der Arbeitslosen steigt auch in Österreich kontinuierlich an, und das Ausmaß der Ratlosigkeit unserer politischen Vertreterinnen und Vertreter äußert sich darin, dass schon eine gelegentliche Verlangsamung des Anstiegs der Zahl der Arbeitslosen als Erfolg gefeiert wird. Von einer Trendwende wagt zurzeit ohnehin niemand auch nur zu träumen.

Das auch am österreichischen Horizont auftauchende Gespenst der Massenarbeitslosigkeit hat in einigen Ländern der Europäischen Union längst in der Mitte der Gesellschaft Einzug gehalten und der Umstand, dass dort mehr als die Hälfte aller Jugendlichen ohne Beschäftigung und damit ohne Lebensperspektive ist, lässt für die Zukunft Europas nichts Gutes erwarten. Weder die Politikerinnen und Politiker in den nationalen Regierungen noch jene auf der Ebene der europäischen Union scheinen auch nur ansatzweise Vorstellungen zur Lösung dieser Probleme zu haben, und so steuern wir auf ein Europa zu, in dem die Wut der jungen Menschen über ihre geraubte Zukunft zu neu aufkeimendem Nationalismus, politischem Radikalismus, Anarchie und Gewalt führen wird.

Der Mensch arbeitet, um seine Bedürfnisse nach Nahrung, Unterkunft, Bekleidung, medizinischer Versorgung, persönlicher Sicherheit, Unterhaltung und vielem anderem zu befriedigen. Dadurch schafft jedes einzelne menschliche Individuum durch seine persönlichen Bedürfnisse Arbeitsplätze und hätte deshalb auch ein Grundrecht auf Teilhabe am Arbeitsmarkt.

Doch es ist im Interesse der internationalen Konzerne, die mit Hilfe ihres ungeheuren Kapitals politische Entscheidungen diktieren, dass Güter dort produziert werden, wo Arbeitskraft am billigsten ist, und so schaffen die Bedürfnisse von uns Europäern immer mehr Arbeitsplätze in Fernost und anderen Billiglohnländern. Die dort gegen niedrigste Löhne unter fragwürdigen ökologischen Bedingungen produzierten Güter werden in Europa zu Preisen verkauft, die dem im Vergleich zu Billiglohnländern immer noch sehr hohen europäischen Lohnniveau entsprechen und verschaffen so den internationalen Konzernen Gewinne in astronomischer Höhe.

Man sieht keine nackten Menschen auf der Straße, dennoch verfügt Österreich über keine nennenswerte Textilindustrie. Fast niemand geht bei uns barfuß, aber auch das Schuhwerk wird zum Großteil nicht in unserem Wirtschaftsraum produziert. 4,7 Millionen PKWs sind in Österreich auf 18,8 Millionen Autoreifen unterwegs, aber der österreichische Reifenhersteller Semperit wurde an den Konkurrenten Continental verkauft, welcher später den österreichischen Standort geschlossen hat. Wir alle essen mehrmals täglich, aber die österreichische Tochter der niederländischen Unilever hat schon vor langer Zeit die bis dahin in Österreich angesiedelte Herstellung von Nahrungsmitteln der Sparte Eskimo-Iglo in Länder mit deutlich niedrigerem Lohnniveau „ausgelagert“. Diese Liste ließe sich beliebig fortsetzen.

Bewusst nenne ich diese Beispiele unter Ausklammerung „intelligenter Produkte“ wie beispielsweise Flachbildschirme, Kameras und Smartphones, da an eine inländische Produktion solcher Güter wegen viel höherer Lohnstückkosten im Vergleich zu Fernost, aber auch wegen mangelnder Fachkräfte kaum zu denken ist. Österreichischen Politikerinnen und Politikern bleibt es daher vorbehalten, bei wahlkampfbedingten Betriebsbesuchen Lehrlingen beim Abschleifen von Holzkisterln bewundernd zuzusehen.

Unser Bildungssystem ist seit Jahrzehnten nicht in der Lage, ausreichend viele junge Menschen auf die Anforderungen einer globalisierten Welt mit hohem Konkurrenzdruck und sich immer rascher entwickelnden neuen Technologien vorzubereiten, was auch mit der von manchen Wirtschaftstreibenden geforderten Anwerbung von ausländischen Fachkräften nicht ausgeglichen wurde. Unverdrossen haben wir jedoch Arbeitskräfte ins Land geholt, die aufgrund ihrer geringen Qualifikation bestenfalls in der Produktion von Gütern des täglichen Bedarfs sowie beispielsweise in der Textilindustrie eingesetzt werden könnten, während wir in der selben Zeit gerade diese Arbeitsplätze eifrig nach Fernost und andere Billiglohnländer verlagert haben.

Angesichts dieser strukturellen Probleme sind politische Auseinandersetzungen zu Fragen der Umverteilung, Steuergerechtigkeit, Altersvorsorge, etc. nichts als Scheingefechte und Alibihandlungen unserer auf ihre eigenen Pfründe bedachten Politikerinnen und Politiker.

Vor einiger Zeit habe ich diesen Sachverhalt bei einem gemeinsamen Abendessen mit einem befreundeten Ehepaar und dessen beiden erwachsenen Söhnen Alexander und Maximilian diskutiert. Alexander und Maximilian kennen aufgrund der komfortablen wirtschaftlichen Lage ihrer Eltern die Nöte ärmerer Mitmenschen bisher nur vom Hörensagen und sind daher verständlicherweise glühende Verfechter der Beibehaltung dessen, was man heutzutage verharmlosend „Wirtschaftsliberalismus“ nennt.

„Güter dort zu produzieren, wo die Arbeitskraft am billigsten ist, entspricht grundlegender wirtschaftlicher Logik“ war ein zentrales Argument, das Alexander in die Waagschale warf.

„Dass der Stärkere sich durchsetzt, ist ein wichtiges Prinzip der Natur, welches schon seit Darwins Evolutionstheorie allgemein bekannt ist und jedem Fortschritt zugrunde liegt“ lautete sinngemäß Maximilians Beitrag.

Meine Forderung, unseren Wirtschaftsraum durch Einfuhrbeschränkungen und Zölle vor den verheerenden Folgen eines verzerrten Wettbewerbs und dem dadurch immer rascher um sich greifenden Verlust von Arbeitsplätzen zu schützen, wurde von beiden mit dem Hinweis auf unzulässigen „Protektionismus“ abgeschmettert.

Nun war es an mir, darauf hinzuweisen, dass Armut in Europa seit geraumer Zeit kein Phänomen ist, das nur Randgruppen betrifft, sondern längst auch stetig wachsende Teile der Mittelschicht. Ich versuchte, die unerfreuliche Zukunft plastisch auszumalen: „Wenn wir so weitermachen“, sagte ich zu Alexander und Maximilian, „verlieren wir alle Haus und Hof, und unsere Kinder werden mit einem Hut in der Hand bettelnd auf der Straße sitzen.“

Da meldete sich Harald, der Vater der beiden, erstmals zu Wort. Ohne von seinem Zwiebelrostbraten aufzublicken, sagte er trocken: „Und der Hut wird aus China sein.“

2 Kommentare zu “Haralds Prophezeiung

  1. „Und der Hut wird aus China sein“ klingt sehr nach „Der Griesskoch ist bei dir aber auch scharf“!

    Ich habe vor einiger Zeit einmal nachgerechnet. Die Arbeitslosenzahlen waren gestiegen, so war aber auch die Bevölkerung Österreichs. Da unsere eigenen Frauen nicht so häufig „werfen“, ist die Zunahme in erster Linie durch Zuzug begründet. Vor einigen Monaten konnte ich feststellen, dass es ungefähr 25.000 Arbeitsplätze mehr gegeben haben musste. (Nur als Rechenbeispiel, die Zahlen waren andere: 40.000 mehr Arbeitslose, 65.000 zusätzliche Einwohner Österreichs)

    Vor wenigen Tagen gab es von Herrn Glavinic eine Glosse über seinen Sohn, der in der Schule nicht das Dividieren lernen konnte. Auch Herr Glavinic konnte das nicht, wie er großmütig zugab. Es fehle ihm die Geduld dazu. Ich nehme an, er kann selbst nicht dividieren.

    Die Stärke des sich Durchsetzenden muss ja nicht unbedingt die körperliche sein. Intelligenz kann oft gegen rohe Gewalt erfolgreich sein. Das trifft auch in der Wirtschaft zu. Die Österreicher sind da gar nicht so schlecht aufgestellt. Doch die intelligenten Österreicher arbeiten im Ausland, wo man ihre Denkleistung schätzt.
    Die Geschichte mit der billigen Arbeitskraft ist so abgedroschen, dass es schon fast weh tut. Aber die Konsequenz besteht ja darin, dass jemand wie Alexander sowieso keinen Arbeitsplatz mehr bekommen kann. Es wird immer jemand geben, der es besser und billiger kann wie er. Dass er vielleicht aufgrund von Beziehungen einen guten Job bekommt, verzögert die Auswirkungen des Problems nur. Wir enden in einer Bananenrepublik bei der wir einmal Staaten wie Bulgarien und Rumänien noch den Rang hinsichtlich Korruption ablaufen.

    Die einzige Möglichkeit, den einzelnen, speziell seine Kinder zu schützen, besteht darin, ihnen die bestmögliche Ausbildung zukommen zu lassen. Ich schreibe das auch aus der Situation des Besserstehenden. Meine Kinder waren in der Waldorfschule. Mit der dort genossenen Ausbildung haben sie wieder Jobs, die ihnen ermöglichen, meine Enkelkinder ebenfalls dorthin zu schicken.

    Aufgrund des Schulgelds für drei Kinder gehörten wir früher trotz meines sehr guten Gehalts nicht zur Haute Volee. Aber es war jeden Schilling wert, so gehandelt zu haben.

  2. „Die Geschichte mit der billigen Arbeitskraft ist so abgedroschen, dass es schon fast weh tut.“
    Mag sein, aber das ändert nichts am Wahrheitsgehalt dieser Tatsache. Wenn der Werksabgabepreis eines aus China importierten Herrenhemdes niedriger ist als die bloßen Kosten für Verpackung und Transport eines in Vorarlberg erzeugten Herrenhemdes nach Wien, dann kann das ja wohl nur im Missverhältnis der Lohnniveaus zwischen Europa und Fernost liegen.

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