Das Ende von Zins und Zinseszins – ein Tagtraum


Im Jahre 2007 hat die damals sichtbar gewordene weltweite Finanzkrise die Welt an den Rand des völligen wirtschaftlichen Kollapses gebracht. Scheinbar allen düsteren Prophezeiungen zum Trotz ist dieser weltweite wirtschaftliche Kollaps vorerst nicht eingetreten. Die Jahre danach haben uns eine anhaltende „Eurokrise“ und schwere wirtschaftliche Turbulenzen einiger Euroländer beschert. Vor den jüngsten Europawahlen haben zahlreiche Politiker das Ende der „Eurokrise“ und Zeichen wirtschaftlicher Erholung auch in den schwer angeschlagenen Euroländern verkündet, nicht ohne hinzuzufügen, dass dies gerade der klugen Politik der Europäischen Union zu danken sei.

Große Schiffe sinken eben langsam, aber nach der Krise ist vor der Krise, und das gilt generell für alle Bereiche des Lebens und der Natur. Während die einen Krise als Bedrohung empfinden, sehen andere diese als Chance. In jedem Fall ist Krise eine Phase geringerer Stabilität mit dem Potential zu mehr oder weniger starker Veränderung und nachfolgender neuer, meist wieder zeitlich begrenzter Stabilität. Diese neue, stabile Phase kann aber nur eintreten, wenn das betreffende System über entsprechende stabilisierende Eigenschaften verfügt.

Beim Weltfinanzsystem verlieren jene stabilisierenden Eigenschaften jedoch mit jeder neuen Krise einen größeren Teil ihrer Wirksamkeit, denn es ist so angelegt, dass es unausweichlich in den Kollaps führen muss. Der Weg dahin ist auch hier durch einen stetigen Wechsel von Krisen und quasistabilen Phasen gekennzeichnet, aber die Heftigkeit der Krisen nimmt stetig zu, und auch in jeder neuen Phase zeitlich begrenzter Stabilität weicht das System keinen Millimeter von seinem Kurs in Richtung des totalen Kollapses ab.

Das Weltfinanzsystem basiert nämlich auf Kreditvergabe gegen Zins und Zinseszins. Das bedeutet, dass Geld ausschließlich auf dem Weg der Kreditvergabe in Umlauf kommt, wobei der Kreditgeber vom Schuldner stets die Rückzahlung von Kapital zuzüglich Verzinsung verlangt. Der während der Laufzeit periodisch anfallende Zins wird dem aushaftenden Kapital zugeschlagen und somit ebenfalls verzinst. Welches zerstörerische Potential diesem System innewohnt, lässt sich durch ein bekanntes Beispiel darstellen, das gerade wegen seiner Einfachheit sehr anschaulich ist und den Kern der Problematik besser beschreibt als jedes mit wirtschaftswissenschaftlichem Brimborium vernebelte ökonomische Modell.

In einem abgeschiedenen Dorf leben zehn Menschen, die in arbeitsteiliger Weise für ihren Unterhalt sorgen. Ihr Wirtschaftssystem basiert auf Tauschhandel und funktioniert meist zur Zufriedenheit aller. Nur manchmal, wenn zur Abwicklung eines Tausches die Leistung eines Dorfbewohners gefragt ist, der gerade selbst nichts braucht oder aber nicht das braucht, was ihm der Tauschpartner gerade anbieten kann, hakt es ein wenig. Nicht immer ist das Problem durch Ringtausch oder Aufschub der Gegenleistung lösbar.

Eines Tages stößt ein Fremder zu der Gemeinschaft und macht dieser einen Vorschlag, wie die Probleme des Tauschhandels weitaus leichter als durch Ringtausch und Aufschub der Gegenleistung in den Griff zu bekommen seien. Er schlägt die Einführung des Geldes vor und bietet seine Dienste als Bank an. Er leiht jedem der zehn Dorfbewohner 1000 Taler mit der Auflage, diese binnen Jahresfrist zuzüglich eines Zinses von 10% zurück zu zahlen. Zur Absicherung der Schuld bittet sich der Banker einen Teil des Eigentums jedes Schuldners als Pfand aus.

Jeder der Kreditnehmer glaubt durchaus an die eigene Leistungsfähigkeit und ist sicher, fortan seinen Lebensunterhalt sowie die fällige Rückzahlung samt Zins erwirtschaften zu können. Außerdem scheint die fundamentale Erleichterung des Handels durch den Wegfall aller im Tauschhandel auftretenden Probleme den 10%igen Aufschlag, den der Banker bei Rückzahlung seines Darlehens verlangt, doch allemal wert zu sein. Aber die Rechnung kann nicht für alle Mitglieder der Dorfgemeinschaft aufgehen – schließlich sind ja nur 10.000 Taler im Umlauf, 11.000 aber binnen Jahresfrist zurückzuzahlen.

Unser Banker hat jedoch „sein Herz am rechten Fleck“ und bietet nach Ablauf des ersten Jahres jenen, die die Rückzahlung nicht oder nicht vollständig leisten können, einen neuen, abermals zinspflichtigen Kredit an, mit dem teils das neue „Geschäftsjahr“ zu finanzieren und teils die alte Schuld samt Zins abzudecken ist – allerdings gegen Verpfändung eines weiteren Teils des Eigentums des säumigen Schuldners.

Es bedarf keiner höheren Mathematik, um zu erkennen, dass das Eigentum der Dorfbewohner sukzessive ins Eigentum des Bankers übergeht. Das einfach deshalb, weil die Gesamtforderung des Bankers gegenüber der Dorfgemeinschaft bereits zum Zeitpunkt der ersten Kreditvergabe höher war als die Gesamtmenge des im Umlauf befindlichen Geldes und durch immer neue Kreditvergabe in Verbindung mit Zins und Zinseszins von Jahr zu Jahr rascher, nämlich exponentiell anwächst. Der Versuch der Dorfgemeinschaft, die exponentiell steigenden Forderungen des Bankers durch erhöhte Produktivität – also Wachstum – auszugleichen, sind zum Scheitern verurteilt, da sich realwirtschaftliche Produktivität auf Dauer nicht exponentiell steigern lässt.

Natürlich kann der Banker sein Mitgefühl für die nunmehr Verarmten nicht unterdrücken und bietet ihnen an, ihre Arbeit mit den nunmehr in seinen Besitz übergegangenen Betriebsmitteln fortzusetzen. Allerdings ist ein entsprechender Teil des Arbeitsertrages an ihn abzuführen. Großherzig, wie er nun einmal ist, erlaubt er ihnen sogar, weiter in ihren Behausungen, die in der Zwischenzeit ebenfalls in seinen Besitz übergegangen sind, zu wohnen, allerdings gegen einen weiteren Teil des Arbeitsertrages. So hat sich der Banker ein sehr ansehnliches, durch seine nunmehrigen Sklaven arbeitsfreies Einkommen gesichert. Allerdings sollte er für den Rest seines Lebens auch nachts ein Auge offen halten …

Anspruchsvollere Geister mögen mir das Zitieren dieses wirklich trivialen Beispiels nachsehen, aber es beschreibt tatsächlich vollständig und in schonungsloser Klarheit die Hauptidee, auf der unser Weltfinanzsystem beruht. Alle weiteren Mechanismen der Geldwirtschaft sind nur Verfeinerungen dieses Systems, das darauf abgestellt ist, Geld mit Geld zu verdienen und so einigen Privilegierten ein arbeitsfreies Leben „in Saus und Braus“ und auf Kosten der arbeitenden Allgemeinheit zu ermöglichen. Keine prinzipielle Rolle spielt dabei, ob der Kreditgeber einen Zins von 10%, 5% oder 0,2% verlangt; ein Zins von 0,2% ist ebenso Wucher wie ein Zins von 10%. Lediglich die Geschwindigkeit, mit der sich das System seinem finalen Zustand nähert, wird von der Höhe des Zinses beeinflusst, aber auch ein langsam wuchernder Krebs tötet seinen Wirt. Durch scheinbar maßvolle Bemessung des Zinses kann das System aber sehr lange „in Schwebe“ und die Schuldner in jenem Zustand der Teilversklavung gehalten werden, in dem sie gerade noch nicht revoltieren.

Die Umverteilung von „Fleißig“ zu „Reich“ ist aber längst so weit gediehen, dass „Reich“ die weltweite Kontrolle über alle „Betriebsmittel“ der Fleißigen hat: „Reich“ kontrolliert mit seinem ungeheuren Kapital die gesamte Wirtschaft und benützt die aus diesem Kapital finanzierten Medien zur Verschleierung dieser Zusammenhänge. Die volle Kenntnis dieser Zustände brächte nämlich jeden Normalbürger dazu, über Ausstiegsmöglichkeiten aus diesem System fortgesetzter, immer dreisterer Umverteilung von „Fleißig“ zu „Reich“ umgehend nicht nur nachzudenken. Hilfe seitens der Politik darf sich der nur in Vorwahlzeiten geschätzte Normalbürger allerdings nicht erwarten. Jeder Hund gehorcht seinem Herrn und leckt die Hand, die ihn füttert, und so sind unsere Politiker längst zu Befehlsempfängern und Vollzugsorganen des Kapitals mutiert – diverse in jüngerer Zeit geschnürte und vom Steuerzahler zu finanzierende „Bankenrettungspakete“ sind nur eines von zahlreichen Indizien dafür.

Es wäre demnach naheliegend, die Abschaffung des auf Zins und Zinseszins basierenden Kreditgeldsystems sowie eine weitgehende Eindämmung arbeitsfreien Einkommens zu fordern. Es ist aber vorauszusehen, dass jene, die heute über einen Großteil des Kapitals verfügen, versuchen werden, dies durch den Einsatz dieses Kapitals und der darauf basierenden Macht nach Möglichkeit mit allen Mitteln zu verhindern.

Einige kluge Menschen haben aber die in immer rascherer Folge wiederkehrenden Krisen als Anstoß zu Überlegungen begriffen, wie das ausbeuterische System von Zins und Zinseszins auf subtile Weise auszuhebeln wäre, ohne die direkte Konfrontation mit der „Macht des Kapitals“ zu suchen. Auch wenn der von ihnen angedachte Lösungsvorschlag derzeit nichts anderes als eine verträumte Vision zu sein scheint, wird er vielleicht eines Tages umgesetzt werden.

Die Menschen würden angehalten sein, ihr Auskommen in einem neuen Wirtschaftssystem zu finden, in dem sie nicht durch Zins und Zinseszins schleichend enteignet und um die Früchte ihrer Arbeit betrogen würden. Dazu bedürfte es der Schaffung regionaler, in späterer Folge überregionaler Parallelwährungen, deren Zahlungsmittel als Darlehen ohne Verrechnung von Zins und Zinseszins in Umlauf gebracht werden würden. Diese Zahlungsmittel stünden ausschließlich als virtuelle, das heißt elektronisch verwaltete Guthaben und Verbindlichkeiten zur Verfügung. Dadurch könnte – mit einem gut durchdachten Regelwerk – dem Unwesen des zinsbasierten Geldverleihs durch Banken und der neuerlichen Einführung von Zins und Zinseszins „durch die Hintertür“ privater Geldverleiher ein Riegel vorgeschoben werden.

Das „alte Kapital“ würde bleiben wo es ist, und die, die es besitzen, würden feststellen, dass man Geld tatsächlich nicht essen kann. Wollten die Besitzer des „alten Kapitals“ an diesem neuen Wirtschaftssystem teilhaben, könnten sie das gerne tun, aber nicht mit ihrem „alten Geld“.

2 Kommentare zu “Das Ende von Zins und Zinseszins – ein Tagtraum

  1. Gut beschrieben und der Tatbestand sollte für jedermann leicht verständlich sein. Ist es aber nicht aus mehreren Gründen:
    1) Die Leute wollen ja keine Mathematik lernen. „Mathematik brauche ich im späteren Leben nicht.“ Daher geht die Aussage, dass nicht die gleiche Steigerung in der Produktion wie der Zinssatz, erreicht werden kann, ins Leere. Das begreifen vielleicht 95% der Menschen nicht.
    2) Die Mär vom notwendigen Wirtschaftswachstum kann sich ebenfalls nur aufgrund von „Die Mathematik brauche ich im späteren Leben nicht.“ am Leben erhalten.
    3) Da das herrschende politische (es geht gar nicht um die Wirtschaft) auf der Übervorteilungslüge besteht, werden auch sämtliche Medien den Kapitalismus verteidigen. Der Kapitalismus besteht heute nicht mehr durch die rohe Ausbeutung der Arbeitskraft, er besteht in der medialen Gehirnwäsche, dass alles so sein muss wie es ist.
    4) es gibt einige wenige, die Punkt 2) tatsächlich als die Lüge anprangern, die sie ist. Sie werden teilweise von Wissenschaftlern angegriffen, die es besser wissen müssten. Ich werde nie die Antwort eines Mathematik-Universitätsprofessors (lange Zeit in England, jetzt in Wien) vergessen, den ich darauf ansprach. „Wir wissen ja nicht, ob in der Ökonomie Nullsummenspiele vorherrschen.“ Ich weiß bis heute nicht, ob er mich verarschen wollte oder ob er über-wissenschaftlich argumentieren wollte. Die Bekanntschaft habe ich abgebrochen.
    5) Ich bin glaube ich intelligent genug, um nicht immer dem „gesunden Menschenverstand“ nach zu folgen. Man braucht nur in Wikipedia das Stichwort Paradoxon nachschlagen und findet eine große Liste von paradoxen Beispielen, die den gesunden Menschenverstand Lügen strafen.
    Allerdings behält er manchmal doch recht, was sich in manchen geschichtlichen Tatsachen widerspiegelt.

    Epilog: es gab und gibt immer wieder Versuche, eine entsprechende Parallelwährung einzuführen. Sie werden entweder gegen zu geringer Relevanz ignoriert oder aktiv bekämpft, wenn sie das bestehende System zu unterhöhlen drohen. Anmerkung: bitcoins wären hier keine Alternativwährung. Diese fügen sich voll ins „kapitalistische“ System ein, obwohl sie einen Teil, das Bankensystem anzugreifen versuchen.

  2. Steppenhund: – Jedermann hat schon lange das Lesen verlernt, von Mathematik ganz zu schweigen.
    Danke Palko, für den Mut, dass Du dem gesunden (aber was ist schon gesund?) Menschenverstand eine Stimme gibst und wenigstens die Herzen einiger seltsamer Käuze, die noch mehrere zusammenhängende Sätze lesen können, erwärmst.

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