„Anrüchige“ Texte bei der Zentralmatura


Im Rahmen der österreichischen „Zentralmatura 2014“ in Deutsch wurde in einer vom Bundesinstitut für Bildungsforschung, Innovation und Entwicklung (BIFIE) verfassten Aufgabenstellung den Maturantinnen und Maturanten ein Text zur Interpretation vorgelegt, in dem ein Weinbauer in seinem Weingarten eine Schnecke findet und große Bewunderung für ihre äußere, sein Schönheitsempfinden sehr ansprechende Gestalt hegt. Aber nach einigem Zögern tötet er sie, weil er das Gedeihen seines Weingartens über das Leben dieses „Schädlings“ stellt.

Die „IG Autorinnen Autoren“ hat scharf kritisiert, dass dieser Text den Schülerinnen und Schülern ohne Verdeutlichung des historischen Kontexts und insbesondere ohne Hinweis auf die Rolle Hausmanns im Nationalsozialismus vorgelegt worden ist. In der Begründung hat „IG Autorinnen Autoren“ sinngemäß erklärt, dass der Autor dieses Textes, Manfred Hausmann, im nationalsozialistischen Deutschland immerhin auch Mitarbeiter der NS-Wochenzeitung „Das Reich“ gewesen war. Genau deshalb, so die „IG Autorinnen Autoren“, würde dieser Text eine Interpretation im Sinne einer Rechtfertigung rassistischer Ideologien bis hin zur Vernichtung „minderwertigen Lebens“ geradezu herausfordern.

Nun könnte man den Standpunkt vertreten, dass ein Text ja schließlich nur für sich selbst spräche und man getrost außer Acht lassen könne, wer ihn verfasst hat und durch wen er fallweise zitiert wird. Ob das so ist, versuche ich im folgenden, scheinbar trivialen Beispiel zu untersuchen.

Zwei Freunde bewohnen ein Haus und rüsten sich für einen gemeinsamen Spaziergang. Der eine geht kurz vor die Tür, kommt zurück und erklärt: „Draußen ist es kalt“. Eine an sich einfache Aussage, die – scheinbar – wenig Spielraum für unterschiedliche Interpretationen offen lässt. Dies gilt, solange man nicht berücksichtigt, wie es um die individuelle Empfindung von Wärme und Kälte beim Überbringer der Botschaft und bei deren Empfänger bestellt ist. Empfinden beide gleich und wissen das auch, bleibt der Sachverhalt überschaubar und einfach. Der Empfänger der Botschaft tut gut daran, sich vor Verlassen des Hauses mit entsprechender Kleidung vor Kälte zu schützen.

Wesentlich komplizierter wird es, wenn die Kälteempfindlichkeit des einen deutlich stärker ausgeprägt ist als die des anderen. Dann kann die Botschaft vom Empfänger erst dann richtig interpretiert werden, wenn beide um die unterschiedliche Kälteempfindlichkeit des jeweils anderen Bescheid wissen und der Empfänger außerdem weiß, ob sein Freund die Aussage nach dem Maßstab seiner eigenen Kälteempfindlichkeit oder nach der des Empfängers getroffen hat.

Damit wird gezeigt, dass es bei der Interpretation einer Botschaft nicht nur auf deren verbalen Inhalt, sondern auch auf die Verfasstheit von Sender und Empfänger ankommt, sowie auch darauf, inwieweit Sender und Empfänger einer Botschaft über die Konzepte des jeweils anderen Bescheid wissen und dieses Wissen in ihrer Aussage berücksichtigen. Will also ein Autor sichergehen, dass sein Text von seinen Lesern so verstanden wird, wie er von ihm gemeint ist, wird er seine Botschaft der Verfasstheit seiner zeitgenössischen Leserschaft anpassen.  Anderseits werden seine zeitgenössischen Leser gut daran tun, den Text auch im Lichte der ihnen bekannten, persönlichen Eigenheiten des Autors zu beurteilen. Für Leser späterer Generationen gilt deshalb, dass sie den Text im Lichte der ihnen bekannten Verfasstheit des Autors und der zeitgenössischen Leserschaft des Autors zu beurteilen haben.

Man kann sich also bei der Beurteilung eines Textes nicht nur auf die eigene, persönliche Rezeption dieses Textes berufen, sondern hat auch darauf zu achten, wer diesen Text für welche Zielgruppe verfasst hat. Aus diesem Blickwinkel ist der Standpunkt, ein Text könne „für sich alleine sprechen“, nicht haltbar. Deshalb hätte das Bundesinstitut für Bildungsforschung, Innovation und Entwicklung (BIFIE) in der betreffenden Aufgabenstellung unbedingt auf die Rolle Hausmanns als Autor für eine NS Wochenzeitung hinweisen müssen, und auch ein relativierender Hinweis darauf, dass die  Kritiken an Hausmann umstritten sind, wäre wichtig gewesen.

Darüber hinaus ist der Text 1947, also zu einer Zeit sicher noch nicht abgeschlossener Entnazifizierung erschienen, was die Beurteilung der weltanschaulichen Positionierung sowohl des Autors als auch der damaligen Leserschaft aus heutiger Sicht sehr schwierig macht. Dadurch wird eine seriöse Interpretation des Textes zu einem fast aussichtslosen Unterfangen und ist jedenfalls Maturantinnen und Maturanten nicht zuzumuten. Deshalb ist den Verfassern der Deutschaufgabe für die „Zentralmatura 2014“ vom Bundesinstitut für Bildungsforschung, Innovation und Entwicklung (BIFIE) tatsächlich grobes Versagen sowohl hinsichtlich der Auswahl des Textes als auch hinsichtlich der fehlenden Hinweise auf die besondere Biografie des Autors vorzuwerfen und die Forderung nach entsprechenden Konsequenzen war berechtigt.

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